Ein Mythos zwischen Bühne, Sichtbarkeit und Voyeurismus

Das Eldorado war einer der bekanntesten queeren Orte Berlins der Weimarer Republik — und ist bis heute Symbol für die schillernde, verletzliche Sichtbarkeit dieser Zeit.
Ein Name, der bis heute leuchtet
Wer sich mit queerem Berlin der 1920er Jahre beschäftigt, stößt sehr schnell auf einen Namen: Eldorado. Der Begriff steht für das Versprechen einer Stadt, die kurz und intensiv eine queere Sichtbarkeit zuließ, wie sie in Europa bis dahin kaum jemand gesehen hatte — und die der Nationalsozialismus brutal beendete. Bis heute taucht der Name in Filmen, Romanen, Ausstellungen und Stadtführungen auf.
Was war das Eldorado?
Das Eldorado war der gemeinsame Name zweier bekannter Berliner Homosexuellen- und Transvestitenlokale vor dem Zweiten Weltkrieg. Eine der prominentesten Adressen lag in der Motzstraße in Schöneberg, eine weitere in der Lutherstraße. Es gehört zu den am besten dokumentierten Szenelokalen der Weimarer Zeit — sichtbar, beworben, in Reiseführern erwähnt und international bekannt.
Das Lokal verband Tanzfläche, Cabaret-Bühne und Bar. Es zog ein gemischtes Publikum an: schwule Männer, lesbische Frauen, Crossdresser, Tourist:innen, Künstler:innen und Bürgerliche, die sich einen Abend im Berliner Nachtleben gönnen wollten.
Warum das Eldorado so berühmt wurde
Drei Faktoren machten das Eldorado zur Legende. Erstens die offene Sichtbarkeit — anders als viele Bars der Zeit operierte das Lokal nicht als reines Insider-Geheimnis, sondern als bewerbbarer Veranstaltungsort. Zweitens die Crossdressing-Tradition mit eigenen Bällen und Performances, die ein internationales Publikum anzogen. Drittens das Timing — die Weimarer Republik war kurz, kreativ und im Kontrast zum Folgejahrzehnt von einer Liberalität geprägt, die rückblickend mythisch wirkt.
Zwischen Faszination und Voyeurismus
Es lohnt sich, das Eldorado nicht zu romantisieren. Ein Teil des Publikums kam aus echter Zugehörigkeit, ein anderer aus Neugier — und ein nicht kleiner Teil aus reinem Voyeurismus. Touristen-Reiseführer der Zeit nannten das Lokal als Sehenswürdigkeit, mit dem unausgesprochenen Versprechen eines exotischen Blicks auf das andere Berlin.
Diese Mischung machte den Ort gleichzeitig sichtbar und verletzlich. Wer zur Schau gestellt wird, ist nicht zwingend geschützt — eine Lehre, die bis heute für queere Räume relevant bleibt.
Das Ende der Freiheit
1933 endete diese Sichtbarkeit abrupt. Das Eldorado wurde wie viele Schöneberger Bars geschlossen. Die NSDAP nutzte das Gebäude in der Motzstraße zeitweise sogar als Parteilokal — eine besonders zynische Umnutzung. Viele der Stammgäste, Performer:innen und Besitzer:innen wurden verfolgt, einige verließen Deutschland, andere wurden in Konzentrationslager deportiert. Mit dem Eldorado endete nicht nur ein Club, sondern eine ganze Form öffentlicher queerer Selbstinszenierung.
Was vom Eldorado heute bleibt
Das physische Eldorado existiert nicht mehr als queerer Club. Was bleibt, ist Stadtgeschichte — und Mythos. Filme wie das Musical Cabaret oder Romane in der Tradition Christopher Isherwoods bedienen Bilder, die zumindest teilweise auf Orten wie dem Eldorado beruhen. Wissenschaftliche Aufarbeitung, Ausstellungen im Schwulen Museum und Stadtführungen durch Schöneberg halten die Erinnerung wach.
Der wichtigere Teil ist allerdings nicht der Glamour, sondern die Lehre: Sichtbarkeit ohne politische Absicherung kippt schnell.
Live im Kiez statt nur googeln
Auf der KiezTour erzählen wir nicht nur, dass es das Eldorado gab. Wir sprechen darüber, warum solche Orte Freiheit versprachen — und warum diese Freiheit so verletzlich war. Unsere Drag-Queen-Guides stehen vor Adressen in der Motzstraße und erklären, was wir heute daraus lernen können.
Häufige Fragen zum Eldorado
Wo lag das Eldorado in Berlin?
Es gab zwei Hauptstandorte. Der bekannteste lag in der Motzstraße in Schöneberg, ein zweiter in der Lutherstraße. Das Gebäude in der Motzstraße existiert noch.
Kann man das Eldorado heute besuchen?
Nein, das ursprüngliche Lokal existiert nicht mehr. Die Adresse selbst ist als Erinnerungsort relevant — aber kein Museum.
War das Eldorado nur für schwule Männer?
Nein. Es zog ein gemischtes Publikum an: schwule Männer, lesbische Frauen, Crossdresser, Tourist:innen, Künstler:innen. Der Mix war Teil des Konzepts.
Warum gilt das Eldorado bis heute als Symbol?
Weil es die schillernde Sichtbarkeit der Weimarer Republik wie kaum ein anderer Ort verkörperte — und weil das schnelle Ende ab 1933 zeigt, wie zerbrechlich diese Sichtbarkeit war.
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